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Ostsee-Umrundung auf EuroVelo 10

Montag, 29. Juni 2020
Bernd Schadowski (47) ist begeisterter Langstreckenradler, Blogger und Autor. Er liebt Radtouren. Die Nähe zur Natur. Die unvorhergesehenen Begegnungen mit spannenden und unkonventionellen Menschen.

Bernd lebt mit seiner Familie in Deutschland in der Nähe von Aachen und teilt seine täglichen Erlebnisse und hilfreichen Informationen rund ums Radreisen auf seinem Blog www.radreiseglueck.de.

Im Jahr 2019 startet Bernd mit seinem Sohn Tristan (17) die Umrundung der Ostsee auf der 9.000 km langen EuroVelo 10 - Ostseeküsten-Route. Dies ist Teil 1 von Bernds und Tristans Abenteuern rund um die Ostsee.

Eine richtig große Radreise - das war schon immer mein Kindheitstraum! Nachdem wir einige Mehrtagestouren gefahren sind, um ein wenig Erfahrung zu sammeln, beschließen mein 17-jähriger Sohn Tristan und ich: Wir machen das! Da kommt das inspirierende EuroVelo-Netzwerk gerade recht, und wir fokussieren uns schnell auf die längsten Routen. Tristans Vorliebe für kühle Temperaturen zieht uns magisch zum EuroVelo 10 - Ostsee-Radweg, einer 9.000 km langen Tour rund um die Ostsee durch neun Länder. "Ein Meer mit dem Rad umfahren, das muss man einmal im Leben machen", sagen wir uns lachend. Das Nordkap ist dabei unser optionales Traumziel, aber es würde unsere Reise auf 10.000 km verlängern.

Nur wenn Du es nicht tust, wird es nicht wahr

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"Die Route ist grundsätzlich skizziert, doch die detaillierte Planung dauert ein ganzes Jahr und wirft viele Fragen auf"

Die Route ist grundsätzlich skizziert, doch die detaillierte Planung dauert ein ganzes Jahr und wirft viele Fragen auf: Wie lange wird die Tour dauern? In welchem Temperaturbereich werden wir uns bewegen? Welche Ausrüstung brauchen wir? Und vor allem: Wie bringen wir es mit Arbeit und Schule in Einklang? Die Entscheidung verändert mein Leben. Nach zwanzig Jahren kündige ich meinen Bank-Job, und nach der Abschlussfeier meines Sohnes beginnen wir unser Abenteuer. Unser Freundeskreis teilt sich in "Ermutiger" und "Entmutiger" - doch wir lassen uns nicht entmutigen. Denn nur wenn Du es nicht tust, wird es nicht wahr!

Anfang Juli 2019 beginnen wir unsere Reise von Lübeck aus gen Osten rund um die Ostsee. Beide Reiseräder sind mit fünf Taschen sowie einem Zelt, einem Kocher und Lebensmitteln ausgestattet. Unsere Kleidung und Schlafsäcke sind für Temperaturen von -5 bis +35°C ausgelegt und regendicht. Täglich teilen wir unser Abenteuer über unseren Blog Radreiseglück und kombinieren die Radreise mit einer Spendenaktion für einen guten Zweck: mittellosen Kindern in Sri Lanka eine Schulausbildung zu ermöglichen.

In Travemünde sehen wir zum ersten Mal den Horizont der stahlblauen Ostsee. Surreal, denn unerkennbar liegt auf der anderen Seite des Wassers Dänemark – so nahe, und doch drei Monate und circa 8.000 km von uns entfernt. Gänsehaut pur erfasst uns.

Wir rollen entlang der wunderschönen deutschen Küste und genießen die Strecke und die wundervollen Begegnungen mit Menschen und Tieren. 16% Steigung auf Usedom lassen uns in der Sommerhitze mächtig schwitzen, doch die phantastischen und weitgehend autofreien Wege entlang von EuroVelo 10 entschädigen. Die Route folgt in Deutschland sehr gut ausgeschildert dem Ostseeküstenradweg und geht mit unserer ersten Grenze in Polen auf den R10 über.

Natur pur in Polen

Sandige Wege und raue Betonplattenpisten erschweren das Radfahren in Polen, aber sie führen uns auch durch den atemberaubenden Nationalpark "Słowiński" entlang wunderschöner Seen. Wer Natur liebt, ist hier genau richtig. Immer wieder radeln wir durch lebhafte Küstenstädte an der polnischen Riviera entlang. Wir legen einen Ruhetag ein und springen begeistert ins kühle Meer - zum ersten Mal seit zehn Tagen! Dann plötzlich: Unser erstes EuroVelo-10-Schild! Wir lernen schnell, was es ankündigt: erstklassige Radwege. Der Höhepunkt: vertauschte Welten, ein ruckeliger Weg für Autos, abgegrenzt von einem genauso breiten hervorragendem Radweg. In der Bernsteinstadt Danzig legen wir einen Kultur-Tag als Regenerations-Pause ein.

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Bernd Schadowski ist begeisterter Langstreckenradler, Blogger und Autor

Adrenalin in Russland

Mit der Oblast Kaliningrad betreten wir nach 17 Tagen unser erstes Mal Russland. Englisch wird nur selten gesprochen und Deutsch nur von der älteren Generation, daher sind meine Russisch-Grundlagen, die ich in den letzten sechs Monaten erlernt habe, hilfreiche Türöffner. Touristische Ziele entlang der Route sind so selten wie Radwege. Und sie sind oft genauso heruntergekommen wie die vielen verfallenen Gebäude der Oblast. Während wir entlang einsamer kleiner Straßen radeln, werden wir urplötzlich von zwei Hunden attackiert, von denen einer in Tristans Fahrradtasche beißt. Es ist schwierig, sie abzuwehren, aber irgendwie schaffen wir es, lauter zu brüllen als sie uns anbellen. Es folgen zwei weitere heftige Angriffe auf unserem Weg, doch diesmal sind wir mit Steinen in den Taschen präpariert, die wir abwehrend vor den Hunden auf den Asphalt werfen. Trotz allem erfahren wir es als bereichernd, diese für uns fremde Kultur kennenzulernen.

Ein Sommer im Baltikum

Warmer Sommer begleitet uns über die wundervolle Kurische Nehrung, seit 2000 UNESCO-Weltkulturerbe, zurück in die EU nach Litauen. Wir sind begeistert von dem phantastischen Radfahrnetz entlang des Bernsteinwegs, der gerade einmal knapp 100 Kilometer langen litauischen Küste – besser geht es nicht. Mit dem Fahrrad durch diese wunderbare Landschaft und die quirligen Städte Klaipeda und Palanga zu fahren, lässt jedes Radreiseherz höher springen!

In Lettland führt uns der Weg durch lichte Wälder meist entlang einer stark befahrenen Landstraße. Die Ostsee zeigt sich auf der Route kaum, obwohl wir nur etwa zwei Kilometer von der Küstenlinie entfernt sind. Die Hitze des Sommers lässt den Teer schmelzen, und wir müssen aufpassen, dass wir nicht wegrutschen. Erst ab dem sehenswerten Kap Kolka, wo Ostsee und Rigaischer Meerbusen in einer sichtbaren Welle aufeinandertreffen, und Sonnenaufgang wie Sonnenuntergang über dem Meer von einer Stelle zu bestaunen sind, können wir die Hauptstraße hinter uns lassen - ein wunderbares Fleckchen Erde zum Rasten an einem heißen Tag!

In der lettischen Hauptstadt Rīga mit ihren hübschen historischen Holzhäusern entscheidet sich Tristan plötzlich, seine Tour nach 1.980 km zu beenden. Ein Durchschnitt von 100 km pro Tag über einen langen Zeitraum kann sehr anstrengend sein. Es ist eine Sache, darüber zu reden, aber eine ganz andere, sie täglich zu fahren. Wir diskutieren, die Kilometer zu reduzieren, aber es gibt noch weitere Gründe. Tristan denkt, dass er nun nach dem Abi die Freundschaft zu seinen Klassenkameraden verlieren wird, da er den ganzen Sommer unterwegs ist. Und er ist es nicht gewohnt, jeden Tag 24/7 mit seinem Vater zusammen zu sein. Obwohl ihm die Option abzubrechen immer offen stand, ist es für mich sehr schwer, dass er sie wahrnimmt. Tief demotiviert muss ich eine Entscheidung treffen: Werde ich die Ostsee von nun an alleine umrunden, oder werde ich die Tour an dieser Stelle ebenfalls beenden?

Lies nächsten Monat im zweiten Teil des Artikels, wie es weiter geht!

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"Ein Meer mit dem Rad umfahren, das muss man einmal im Leben machen"

Autor(en): Bernd Schadowski